
Ein Feuerwerk an Aufgaben: KI braucht Führung
Digitalisierung. Die Zeit der Experimente ist vorbei. Dieses Jahr entscheidet sich, ob es gelingt, aus einzelnen Initiativen einen stabilen Betrieb zu formen und die Digitalisierung dauerhaft in Führung und Organisation zu verankern. Maik Neubauer im Interview mit der ZfK.
Für die Energiebranche wird 2026 kein Jahr der Neuanfänge, denn die technischen Grundlagen sollten inzwischen gelegt sein. Neu ist die Gleichzeitigkeit: Netzausbau, Digitalisierung, neue Tarife, Steuerung und IT Sicherheit treffen im Betrieb aufeinander. Abwarten ist keine Option mehr. Aus Sicht der befragten Experten markiert 2026 den Übergang vom Projekt zur Verantwortung. Die jeweiligen Prognosen:
KI braucht Führung
Mit wachsenden Datenmengen rückt KI stärker in den Fokus, doch ihr Einsatz bleibt vielfach unsystematisch. Maik Neubauer von AXXCON warnt vor Aktionismus. »Stadtwerke experimentieren mit verschiedenen Tools und Unternehmensbereichen, ohne KI-Gesamtstrategie oder Datenstrukturen, Governance und Verantwortlichkeiten vorzuschalten. « So bleibe KI Stückwerk und führe nicht zu nachhaltigem Mehrwert. Auch Emilie Hansmeyer vom Digitalverband Bitkom warnt vor Schatten-KI. Um Wildwuchs zu vermeiden, müssten Unternehmen den KI-Einsatz aktiv steuern und klare Regeln festlegen.
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Wird 2026 das Jahr, in dem KI in der Fläche ankommt – oder fehlt dafür noch etwas?
KI ist bereits seit 2023 in der breiten Wahrnehmung angekommen, der Einsatz von KI in Unternehmen der Energieindustrie steht aber immer noch ganz am Anfang. Der reine Einsatz von KI Tools wie ChatGPT, Co-Pilot bedeutet keinesfalls eine zielführende Nutzung von KI. Das Management in EVUs ist sich bewusst, dass KI viele Prozesse beschleunigen könnte, viele wissen aber nicht, wo sie anfangen sollten und experimentieren daher mit verschiedenen Tools und in verschiedenen Bereichen des Unternehmens, ohne ein KI-Gesamtstrategie oder ein einheitliche Datenstrukturierung und Governance vorzuschalten, die wichtig sind, um sich nicht im Einbahnstraßen zu begeben und die diversen Initiativen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, welches nachhaltig Mehrwert für das Unternehmen schafft.
Welche KI-Anwendungsfälle bieten Stadtwerken und Netzbetreibern im kommenden Jahr den größten Mehrwert?
Für innovative Stadtwerke gibt es mittel- und langfristig erhebliche Optmierungspotentiale in verschiedenen Bereichen. Aufgrund der regionalen Verantwortung für die B2C und B2B Kunden im Einzugsgebiet der Stadtwerke ist sicherlich der Bereich Kundenservice- Vertrags- und Tarifkalkulation ein extrem wichtiger Bereich. In diesem Kontext ist die Einführung von Chatbots und KI-Agenten für den Kundenservice bereits zum Standard geworden, die bereits viele Softwareanbieter unterstützen. Mit KI-unterstützten Digitalen Zwillingen im Bereich des Smart-Meter-Managements sowie dem Auslesen von neuen Home-Energy-Sytemen (HEMS) ergeben sich viele neue Daten, die Stadtwerke mit KI analysieren und zur Kundenbindung nutzen sollten. Durch neue integrierte Flexumer-Strategien und Leistungsangebote an ihre Bestandskunden haben Stadtwerke endlich einen Hebel, um sich gegen den brutalen Preiskampf um „Commodity-Only“ Kunden zur Wehr zusetzen. Diese neuen Produkte in Verbindung mit hervorragendem, persönlichen Kundenservice und lokalem Marketing ermöglicht es den Stadtwerken Ihre Marktanteile zu erhalten und sogar wieder Kunden von den unabhängigen Discountern wieder zu gewinnen. KI kann bei diesen Win-Back-Strategien ein erheblicher Hebel sein.
Bei den Netz- und Infrastrukturgesellschaften im Energiebereich steht natürlich das Thema Asset-Management ganz weit oben aber auch die Entwicklung von Smart-Grids und die allgemeine Digitalisierung der Verteilnetze wird maßgeblich durch KI-Anwendungen beeinflusst. ‚Smart‘ ohne KI ist heute nicht mehr smart. Das bloße Auslesen von Zählerständen und die Anzeige auf Apps reicht heute nicht mehr aus. In Zukunft wird KI ‚smarte‘ Tarife in Echtzeit kalkulieren und Kunden das Optimum auf Basis der jeweiligen „Flexumer-Konfiguration“, also der Kombination von Solaranlage, Wärmepumpe, Batteriespeicher und Elektrofahrzeug anbieten und auf Basis eines digitalen Rahmenvertrages mehrfach im Monat ändern.
Diese neue Welt erfordert selbstverständlich klare Rahmenbedingungen für ein flexibles Demand-Response System, von dem wir heute in Deutschland noch meilenweit entfernt sind. Die neuen gesetzlichen Öffnungen für Vehicle-to-Grid (V2G) sind erste Vorboten die wir aktuell sehen. Aber auch hier fehlt der Blick für ein Gesamtsystem, in dem alle Räder ineinandergreifen. Dieses ist eine hochkomplexe Aufgabe. Im Vergleich zu anderen Industrienationen wie China oder den skandinavischen Nachbarstaaten laufen wir in Deutschland leider den Entwicklungen und Möglichkeiten weit hinterher.
Welche Rolle spielt Datenqualität für erfolgreiche KI-Projekte, und wie können Versorger die Basis schaffen
Die Qualität der Daten ist das Fundament für alle erfolgreiche KI-Projekte. Sie beeinflusst nicht nur die Leistungsfähigkeit der Modelle und KI-gestützten Prozesse, sondern auch deren Fähigkeit, sinnvolle Analysen zu liefern und Entscheidungen zu unterstützen. Ohne eine robuste und systematisch aufgesetzte Daten- und Datengovernancestrategie wird jegliche KI-Initiative schnell an ihre Grenzen stoßen. Wo Stadtwerke anfangen sollen ist pauschal schwierig zu beantworten, da ehrlich gesagt in den meisten Häusern die Datenstrukturen organisch über Jahrzehnte sehr chaotisch gewachsen sind und auf eine Vielzahl von Systemen verteilt sind. Mit den „modernen“ Officesystemen wie M365, MS-Teams haben sich zudem viele Parallelwelten geöffnet, da Daten und relevante Dokumente über verschiedensten Kanäle, Teams-Räume und Cloudsysteme verteilt haben. Es ist fast unmöglich eine KI effizient auf so ein „gewachsenes Daten-Chaos“ aufzusetzen. Bevor man also über technische Lösungen zur Konsolidierung nachdenkt, steht eine Datenstrategie und eine klare Governance-Strategie erst einmal im Vordergrund. Weiterhin müssen relevante Daten- und Dokumente dann auch noch KI-fähig gemacht werden, d.h. so vektorisiert werden, damit die KI richtige und wesentliche Datenpunkte verknüpfen und analysieren kann. Das Thema Datensicherheit spielt selbstverständlich auch eine erhebliche Rolle, zum einen um Complianceverstöße zu vermeiden, zum anderen um kritische Systemdaten nicht unkontrolliert nach aussen zu geben.
Welche organisatorischen Veränderungen sind notwendig, damit KI ein nachhaltiger Bestandteil der Wertschöpfung wird?
KI-Initiativen und Prozessoptimierungen sollten zentral aufgesetzt und gesteuert werden, um eine möglichst hohe Wertschöpfung für das Stadtwerk zu erzielen. Es muss nicht unbedingt ein „Chief-AI-Officer“ benannt werden, aber ein Team innerhalb der Organisation sollte das klare Mandat haben, KI- und Datengovernanceinitiativen zu treiben – mit direktem Berichtsweg an den Vorstand oder die Geschäftsführung. KI ist „Chefsache“ und sollte nicht in die IT-Abteilung oder parallel in verschiedene Fachbereiche delegiert werden.
Mit der verstärkten Nutzung von KI kommen notwendige Prozessänderungen und organisatorische Anpassungen hinzu – und letztendlich auch die Veränderung der Unternehmenskultur und das Bewusstsein für die Nutzung und Preisgabe von Daten an und innerhalb von KI-gestützten Prozessen. Diese Veränderungen ziehen einen nicht zu unterschätzenden Bedarf an Schulungen und Changemanagement nach sich.
Wie verändert KI 2026 die Anforderungen an Mitarbeitende und Qualifikationen?
Der gesteuerte Einsatz von KI im Unternehmen wird die Arbeitsweisen-, Arbeitmethoden und den Umgang mit Daten im Unternehmen maßgeblich verändern. Dabei wird es keinen „Big-Bang“ geben sondern eine graduelle Umstellung von der „alten“ in die neue KI-Welt. Diese Transformation muss aktiv geplant und begleitet werden.
Die Mitarbeiter werden sich auf erheblich Änderungen einstellen müssen und bereit sein, sich in verschiedene Plattformen und Datenebenen einzuarbeiten. KI-Einsatz heißt nicht den Co-Pilot zu bedienen und Meetings durch KI zusammenzufassen, sondern unternehmenskritische Kernprozesse zu optimieren und mit sehr hoher Geschwindigkeit auf eine ganz neue Basis zu stellen. Dabei wird die KI viele Entscheidungen maßgeblich vorbereiten und viele heute noch vorhandene „Bereiche und Prozesse mit Herrschaftswissen“ werde durch die Transparenz- und die Geschwindigkeit, die KI schafft sehr schnell verschwinden. Es wird Widerstände geben, aber ein Stadtwerk ohne KI wird es 2035 nicht mehr geben. Die Belegschaft muss darauf eingestellt werden und das Management muss klar hinter „KI 2025-2035 stehen“ und dieses auch an die Mitarbeiter kommunizieren.
Stadtwerke, die sich der Herausforderung KI stellen und dieses strategisch planen und umsetzen, werden bereits kurzfristig klare Wettbewerbs- aber auch Kostenvorteile in Ihrem Geschäft erkennen.
Quelle: ZfK, Ausgabe 01/2026, 12.01.2026

